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Hast g’sehn, wie die Börse beim Börsengang durchdreht?

„Hast g’sehn, was bei den neuen Börsengängen los ist?“,
fragt meine Frau und legt mir den Zeitungsausschnitt neben die Kaffeetasse.

Ich:
„Ist wieder ein Unternehmen an die Börse gegangen, das noch keinen Gewinn macht, aber dafür eine besonders schöne Präsentation besitzt?“

Sie:
„Anthropic, Databricks, Anduril …“ „Firmennamen, die klingen, als kämen sie entweder aus dem Silicon Valley oder aus der nächsten Staffel von Star Trek.“

Sie schiebt ihre Lesebrille nach oben.
„Der bekannte US-Investor Ken Fisher schreibt, dass Anleger bei Börsengängen regelmäßig völlig aus dem Häuschen geraten.“

Das stimmt.

Kaum kündigt ein bekanntes Technologieunternehmen seinen Börsengang an, beginnt ein bemerkenswertes Schauspiel.

Analysten rechnen. Banken trommeln. Medien schreiben. Anleger träumen.

Und irgendwo präsentiert jemand eine Grafik, die zuverlässig von links unten nach rechts oben führt.

## Wenn aus einer Aktie ein Ereignis wird

Ein Börsengang ist zunächst etwas Normales. Ein Unternehmen verkauft erstmals Aktien und erhält dadurch Zugang zu neuem Kapital. Anleger können sich beteiligen.

So weit, so nüchtern. Doch bei begehrten IPOs wird daraus schnell eine Mischung aus Volksfest, Pferderennen und Schlussverkauf.

Jeder möchte dabei sein – nicht unbedingt, weil er das Unternehmen besonders gut kennt, sondern weil er befürchtet, dass alle anderen mehr wissen könnten.

„Man kauft also, weil man Angst hat, dass jemand anderes vor einem kauft?“,
fragt meine Frau.

Ich:
„So ungefähr.“

Sie:
„Und der andere kauft, weil er Angst hat, dass ich vor ihm kaufe?“

Ich:
„Genau.“

Sie:
„Klingt nach einer durchdachten Anlagestrategie.“

Der sogenannte Zeichnungsgewinn macht die Sache zusätzlich verführerisch. Liegt der erste Börsenkurs deutlich über dem Ausgabepreis, entsteht der Eindruck, mit neuen Aktien ließe sich mühelos Geld verdienen.
In der Praxis bekommen Privatanleger bei besonders begehrten Börsengängen häufig nur wenige Aktien zugeteilt. Kaufen sie später an der Börse, ist der erste Kurssprung oft schon vorbei.
Die frühen Gäste haben vom Buffet gegessen. Der Privatanleger kommt herein, wenn nur noch die Rechnung auf dem Tisch liegt.

## Der erste Kurssprung ist nicht das größte Problem

Ken Fisher warnt nicht grundsätzlich vor Börsengängen. Er warnt vor der Begeisterung, die sie umgibt.

Am ersten Handelstag treiben Aufmerksamkeit, knappe Aktienbestände und große Erwartungen die Kurse nach oben. Doch Begeisterung besitzt ein Haltbarkeitsdatum. Einige Monate später interessieren sich Anleger plötzlich nicht mehr nur für Visionen und Wachstumsmärkte.

Dann tauchen unangenehme Fragen auf:
* Verdient das Unternehmen Geld?
* Wie hoch sind die Kosten?
* Wie stark ist die Konkurrenz?
* Rechtfertigt das Wachstum die Bewertung?
* Warum verkaufen die bisherigen Eigentümer Aktien?

„Solche Fragen könnte man doch vor dem Kauf stellen“,
sagt mene Frau.

Ich:
„Das wäre sinnvoll.“

Sie:
„Warum macht man es dann nicht?“

Ich:
„Weil Fragen die Stimmung verderben.“

Beim Börsengang wird schließlich gefeiert. Und niemand möchte während des Sektempfangs wissen, wer später die Flaschen wegräumt.

## Die gefährlichen sechs Monate

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„Also ungefähr wie bei einer Hochzeit“,
sagt meine Frau.

Ich:
„Inwiefern?“

Sie:
„Am Anfang gibt es Champagner, Musik und schöne Fotos. Nach sechs Monaten diskutiert man darüber, wer schon wieder den Geschirrspüler falsch eingeräumt hat.“

Ich sehe sie an.
„Ist das noch Börsenanalyse?“

Sie:
„Langfristige Erfahrungswerte.“

Am ersten Börsentag wird die Zukunft gefeiert. Einige Monate später zieht der Alltag ein. Und der Alltag möchte Umsätze, Gewinne und einen vernünftigen Preis sehen.

## Gute Firma, schlechte Aktie

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## Warum wir IPO-Geschichten so gern glauben

Neue Börsenunternehmen besitzen einen psychologischen Vorteil: Es gibt noch keine lange Börsenvergangenheit, keine alten Kursabstürze und keine enttäuschten Aktionäre.

Stattdessen gibt es eine Geschichte. Künstliche Intelligenz. Raumfahrt. Cloud-Technologie. Robotik. Alles klingt neu, groß und unvermeidlich.

Ein etabliertes Unternehmen berichtet von drei Prozent Umsatzwachstum. Ein Börsenneuling spricht von einem „revolutionären globalen Ökosystem“.

Raten Sie einmal, wer die schönere Überschrift bekommt.

„Wenn ich unseren Staubsauger als revolutionäre Plattform zur Beseitigung häuslicher Partikel bezeichne“, fragt meine Frau, „ist er dann auch mehr wert?“

Ich:
„Nur wenn du künstliche Intelligenz erwähnst.“

Sie:
„Er findet immerhin zuverlässig meine Haare.“

Ich:
„Dann steht dem Börsengang praktisch nichts mehr im Weg.“

## Was Anleger daraus lernen können

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## Der Ehe-Indikator

„Also keine neuen Aktien kaufen?“,
fragt Elke.

Ich:
„Das habe ich nicht gesagt.“

Sie:
„Aber nicht gleich am ersten Tag?“

Ich:
„Man muss jedenfalls nicht jedem Börsengang hinterherlaufen.“

Elke nimmt den Zeitungsausschnitt wieder an sich.
„Dann warten wir sechs Monate.“

Ich:
„Das kann vernünftig sein.“

Sie:
„Und wenn die Aktie weiter steigt?“

Ich:
„Dann haben wir einen Gewinn verpasst.“

Sie:
„Und wenn sie fällt?“

Ich:
„Dann haben wir einen Verlust vermieden.“

Elke nickt zufrieden.
„Sehr praktisch. Im Nachhinein haben wir also immer recht.“

Der Ehe-Indikator steht damit auf **abwartend bis vorsichtig optimistisch**.

Der Kaffee ist kalt, die neuen Börsenstars sind heiß – und irgendwo bereitet eine Investmentbank schon den nächsten Börsengang vor. Mit großen Versprechen, schönen Grafiken und einem Preis, bei dem vor allem eines sicher ist: Die Bank verdient von Anfang an.

Wer sich für das Traden interessiert

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