Der am Freitag, den 05. Dezember 2025 im Bundestag beschlossene Rentenkompromiss beinhaltet Pläne zur Stabilisierung der künftigen gesetzlichen Altersvorsorge. Dabei denkt man auch an Rentenbeiträge auf Aktiengewinne. Für ETF-Sparer würde das Tausende Euro weniger bedeuten. Damit stellt sich die Frage: wird aus dem Zinseszins plötzlich ein Diätzins?
Es gibt einen einfachen Test, mit dem man jede Altersvorsorgeidee prüfen kann: Man rechnet sie nach Steuern und Abgaben. Alles andere ist Kaffeesatz-Lesen – oder Finanzhoroskop. Aktien, Fonds und ETFs gelten für viele Deutsche längst als fester Bestandteil der privaten Altersvorsorge. Rund 9,5 Millionen ETF-Sparpläne laufen derzeit – meist fleißig, diszipliniert und unspektakulär. Genau so, wie Vermögensaufbau sein sollte: langweilig, aber wirksam. Doch jetzt schwebt wieder einmal ein Gespenst durch die Börsendepots. Sein Name: „Ausweitung der Beitragsbemessung.“ Klingt harmlos. Ist es aber nicht.
Die Idee, die Renditen Bauchschmerzen macht
Im Zuge der geplanten Rentenreform denkt die Politik laut darüber nach, auch Kapitaleinkünfte mit Rentenversicherungsbeiträgen zu belasten. Offiziell ist noch nichts beschlossen, aber es gilt der alte politische Grundsatz: Was einmal gedacht wurde, kann auch gemacht werden. Der Gedanke dahinter:
Warum soll nur Arbeitseinkommen zur Rentenkasse beitragen – warum nicht auch Aktiengewinne?
Die Folge für ETF-Sparer: 👉 Deutlich weniger Netto vom Brutto-Zinseszins. Oder anders gesagt: Der Staat greift nicht nur auf dein Gehalt zu, sondern auch auf deine Geduld.
Ein Rechenbeispiel - ganz ohne Blutdrucksenker
Die Zeitung „Welt“ hat dazu eine Berechnung erstellt. Nehmen wir einen ganz normalen Sparplan: 100 Euro im Monat, viele Jahre lang durchgehalten (Respekt an dieser Stelle). Ein Anleger, der seit 2012 monatlich 100 Euro investiert hat in die Aktie von Berkshire Hathaway, kommt heute auf rund 49.000 Euro Depotwert, bei Einzahlungen von etwa 16.800 Euro. Der Rest ist Gewinn – der berühmte Zinseszins-Zauber.
Heute gilt:
• 25 % Abgeltungsteuer • plus Solidaritätszuschlag → rund 8.300 Euro gehen beim Verkauf an den Fiskus
Künftig – theoretisch:
• zusätzlich 9,3 % Rentenbeitrag → Belastung: ca. 11.200 Euro • bei vollem Beitragssatz von 18,6 % wären es dann 14.100 Euro
Das Ergebnis: Mehr sparen. Länger arbeiten. Oder beides gleichzeitig – möglichst mit guter Laune.
6 Prozent Rendite und was davon übrigbleibt
Die effektive Steuerbelastung bei einem ETF wie dem iShares Core MSCI World sind etwas niedriger, da 30 Prozent des Gewinns freigestellt werden. Dies wäre auch für künftige Rentenbeiträge denkbar. Bei den Berechnungen der „Welt“ ist jeweils der Sparerpauschbetrag von 1000 Euro berücksichtigt, der inflationsbereinigt heute weniger Ertrag freistellt als in seiner ursprünglichen Form 2009, obwohl der nominelle Betrag damals bei 801 Euro lag. Zudem ist bei diesen Kalkulation wichtig zu erwähnen: Die Renditen, die Buffetts Berkshire Hathaway und der MSCI World in der Zeit seit 2012 erreicht haben, waren im historischen Vergleich überdurchschnittlich. Bei einer ausgewogenen oder defensiven Anlagestrategie, wie sie vor allem für die Jahre unmittelbar vor und nach dem Renteneintritt empfehlenswert ist, sind eher sechs Prozent Bruttorendite zu erwarten. Wie sieht die Berechnung in diesem Fall mit einem Starvolumen von 100.000 Euro in die Rente aus:
• Heute blieben davon etwa 4,4 % netto
• Mit halbem Rentenbeitrag: ca. 3,9 %
• Mit vollem Rentenbeitrag: nur noch 3,3 %
Das mag nach wenig Unterschied klingen. Ist es aber nicht. Denn über Jahre entscheidet genau das darüber, ob das Geld bis 85 reicht – oder nur bis 82. Oder, um es weniger sachlich zu formulieren: Der Staat verlängert die Rente – indem er das Vermögen verkürzt.
Die Inhaber von hohen Altersvorsorgevermögen müsst bei Einführung einer Beitragspflicht für Kapitaleinkünfte stark umdenken. Hat man bis zu seinem Renteneintritt ein Depot-Vermögen über 500.000 Euro aufgebaut, in dem 400.000 Euro an Kursgewinnen stecken, muss man bei 9,3 Prozent Beitragssatz mit einem Zusatzbeitrag von 37.100 Euro klar kommen. Bei dem vollen Beitragssatz von 18,6 Prozent wären es sogar 74.000 Euro. Ein ETF-Depot würde dank der Teilfreistellung um 25.900 Euro (bei 9,3 Prozent Beitragssatz) respektive um 51.900 Euro (bei 18,6 Prozent Beitragssatz) gemindert.
Fluchwege für Fortgeschrittene (oder Gutverdienende)
Natürlich beginnt bei solchen Überlegungen das große Grübeln:
• Versicherungsmantel?
• Vermögensverwaltende GmbH?
• Gold? Bitcoin? Auswandern?
• Oder doch alles unter die Matratze, wie Oma es immer wollte?
Die Wahrheit ist unerquicklich: Viele dieser Lösungen sind teuer, komplex oder nur für sehr Vermögende sinnvoll. Der klassische ETF-Sparer aus der Mittelschicht bleibt erstmal dort, wo er ist – und hofft.
Der eigentliche Pferdefuß
Das größte Problem an diesen Gedankenspielen ist nicht nur die Rechnung. Es ist das Signal.
Man predigt den Menschen seit Jahren:
• „Sorgt privat vor.“
• „Investiert in Aktien.“
• „Entlastet das Rentensystem.“
Und sobald sie es tun, heißt es: „Sehr gut. Jetzt hätten wir davon gern noch ein bisschen mehr.“ Kein besonders motivationsförderndes Konzept.
Fazit!
Noch ist nichts beschlossen. Aber allein die Debatte zeigt, wie fragil private Vorsorge in Deutschland politisch ist. Aber für die Altersvorsorge lässt sich daraus ein klarer Gedanke formulieren:
Nicht die Rendite ist das größte Risiko – sondern die Regeln, die sich unterwegs ändern.
Oder etwas humorvoller: Der Zinseszins ist geduldig. Die Politik eher nicht.
Wer sich für das Traden interessiert
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