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Schwäne und Prognosen im Wirbelsturm

Warum Prognosen meist danebenliegen – und wir trotzdem jedes Jahr wieder darauf hereinfallen

Jedes Jahr das gleiche Ritual: Zwischen Plätzchenresten und Silvesterblei erklären uns Experten, was das kommende Jahr bringen wird. Kriege, Krisen, KI, Klima – einmal alles bitte, gut durchgeschüttelt. Der „Economist“ macht das seit 1985 sehr professionell. Sonderausgabe, ernster Blick, dicke Grafiken. Und dann? Dann kommt es meistens anders.

Meine Frau fragt mich bei solchen Jahresausblicken regelmäßig: „Und? Weißt du jetzt, was 2026 passiert?“

Ich sage dann: „Nein.“

Sie: „Warum liest du das dann?“

Ich: „Weil ich wissen will, warum es nicht passiert.“

Denn wenn uns das 21. Jahrhundert eines gelehrt hat, dann das: Die wirklich großen Dinge standen nie auf Seite eins der Prognosen.
9/11?
Finanzkrise?
Corona?
Ukrainekrieg?
Allesamt Ereignisse, bei denen wir im Rückblick sagen: Wie konnte man das übersehen? Und im Vorblick: Davon stand aber nichts im Jahresausblick!

Der Risikoforscher Nassim Taleb hat dafür hübsche Vögel erfunden.
Weiße Schwäne: brav, erwartbar, langweilig.
Schwarze Schwäne: völlig überraschend, dramatisch, weltverändernd.
Graue Schwäne: eigentlich sichtbar – aber wir schauen lieber weg.

Und genau hier liegt das Problem. Graue Schwäne sind wie die Warnlampe im Auto. Sie leuchtet schon seit Wochen, aber solange der Wagen noch fährt, drehen wir einfach das Radio lauter.

Ein schönes Beispiel: die Finanzkrise 2008. Hinweise gab es reichlich. Schrottkredite, Immobilienblase, nervöse Banken. Aber in den Prognosen für 2008 ging es vor allem um Ölpreise, Konjunktur und – natürlich – das Klima. Dass das Finanzsystem kurz vor der Kernschmelze stand, war eher ein Randthema. So wie der Vulkan im Reisekatalog: „Kann gelegentlich rauchen.“

Oder Corona. Ende 2019 diskutierten wir über Koalitionsfragen und politische Befindlichkeiten. Eine Pandemie? Für Virologen ein alter Bekannter. Für den Rest der Welt: ein schwarzer Schwan mit Homeoffice-Zwang.

Und jetzt 2026. Die neuen Favoriten heißen: Taiwan-Blockade, KI-Blase, Schuldenkrise, Cyberangriff oder Überschwemmung einer europäischen Großstadt. Klingt alles plausibel. Genau das macht es verdächtig.

Denn vielleicht kommt wieder etwas ganz anderes. Etwas, das heute noch keinen Namen hat. Kein Schwan, kein Vogel, eher so ein fliegendes Überraschungsei.

Die bittere Wahrheit lautet: Prognosen scheitern nicht, weil Experten dumm sind. Sondern weil die Welt zu komplex ist. Und weil wir Menschen Meister im Verdrängen sind. Wir sehen den grauen Schwan – und diskutieren lieber über die Farbe seiner Federn, statt ihm aus dem Weg zu gehen.

Was also tun? Vielleicht weniger fragen: Was passiert nächstes Jahr? Und mehr: Was würde uns nicht völlig unvorbereitet treffen?

Oder, um es pragmatisch zu sagen: Nicht jeder schwarze Schwan ist vorhersehbar. Aber viele graue Schwäne wären vermeidbar – wenn wir ihnen nicht ständig absichtlich die Augen verbinden würden.

Und jetzt entschuldigt mich bitte. Ich muss noch einen Jahresausblick lesen. Man weiß ja nie. 😉

Wer sich für das Traden interessiert

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