Oder: Wenn das Depot plötzlich zur Hausbank wird
Neulich sagte ein Bekannter zu mir beim Kaffee: „Ich hätte gern mehr Einkommen im Ruhestand – aber ohne Steuern, ohne Aktien zu verkaufen und möglichst elegant.“
Ich antwortete: „Dann willst du also Einhornreiten mit Rückenwind.“
Doch ganz unmöglich ist es nicht. Ein Artikel in der Welt beschreibt eine Strategie, die viele kaum kennen: die Lombard-Rente – also ein Kredit auf das eigene Wertpapierdepot. Klingt nach Mailand, ist aber Mathematik.
Was ist ein Lombard-Kredit?
Du besitzt Aktien, ETFs oder Fonds im Depot. Die Bank sagt: „Schönes Vermögen. Wir leihen dir Geld dagegen.“
Das Depot dient als Sicherheit. Dafür bekommst du Liquidität, ohne Wertpapiere verkaufen zu müssen.
Heißt praktisch:
Depot bleibt investiert
du erhältst monatliche Zusatzliquidität
keine sofortige Steuer durch Verkäufe
Bis hierhin klingt alles wie ein Werbeprospekt mit Meeresrauschen. Der entscheidende Punkt: Die Rendite muss höher sein als die Kreditkosten
Und jetzt kommt der Teil, den viele übersehen. Ein Lombardkredit kostet Zinsen. Wenn dein Depot weniger verdient als der Kredit kostet, finanzierst du deinen Lebensstil mit schleichendem Vermögensabbau.
Im Artikel wird folgende Beispielrechnung genannt:
Lombardzins: 4 %
wegen Steuern und Strukturkosten müsse das Depot mindestens ca. 5,4 % netto erwirtschaften
bei zusätzlichen Vermögensverwaltungskosten von 1 % liege die nötige Bruttorendite eher bei ca. 6,4 % pro Jahr.
Das heißt übersetzt:
Du brauchst kein normales Depot.
Du brauchst ein Depot, das arbeitet wie ein motivierter Mittelständler.
Warum das wichtig ist?
Wenn dein Depot langfristig nur 3–4 % schafft und der Kredit 4 % kostet:
du entnimmst Geld
zahlst Zinsen
Vermögen wächst kaum oder schrumpft
Wenn dein Depot dagegen 7–8 % schafft, kann das Modell funktionieren – solange keine Krise dazwischenfunkt.
Und Krisen haben leider die Angewohnheit, unangemeldet zu erscheinen.
Das schöne Beispiel
Im Artikel startet jemand 2013 mit 300.000 Euro im MSCI World und entnimmt monatlich 1.000 Euro per Lombard.
Später:
insgesamt hohe Auszahlungen
Depotwert dennoch stark gestiegen
Das ist die Börsenversion von: Kuchen essen und Kühlschrank wird voller. lt.
Das gefährliche Beispiel
Startest du dagegen zum falschen Zeitpunkt vor einem Crash:
Depot fällt stark
Kredit bleibt bestehen
Zinsen laufen weiter
Bank fordert Sicherheiten
Dann wird aus „smarter Strategie“ schnell „ungeplantes Seminar über Risiko“.
Mein Fazit!
Die Lombard-Strategie ist kein Zaubertrick, sondern ein Zinsdifferenzgeschäft:
Nur wenn Rendite > Kreditkosten + Risiken + Nervenverschleiß, lohnt es sich.
Deshalb eignet sie sich eher für:
✅ große Depots
✅ erfahrene Anleger
✅ lange Horizonte
✅ eiserne Disziplin
Nicht ideal für:
❌ Ruheständler mit Puls
❌ Menschen, die bei -5 % den Familienrat einberufen
❌ Anleger mit zu knapper Reserve
Mein Lieblingssatz dazu: Wenn du erst rechnen musst, ob du dir die Zinsen leisten kannst, ist die Strategie vielleicht noch nicht reif.
Schlusswort
Ein Lombardkredit kann clever sein. Aber nur, wenn das Depot mehr verdient als der Kredit kostet. Sonst zapfst du keinen Vermögensbrunnen an – sondern deinen eigenen Tank.
Oder kurz gesagt: Hebel ist wunderbar – solange er nicht auf den eigenen Fuß fällt.
Hier noch eine Zusammenfassung
Wer sich für das Traden interessiert
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