Ein Gespräch am Küchentisch über die Gefahr steigender Zinsen.
Meine Frau schaut vom Kontoauszug hoch. Das ist ungefähr so angenehm wie ein Margin Call am Montagmorgen.
Sie: „Was ist es diesmal?“
Ich: „Der Zins.“
Sie: „Welcher Zins?“
Ich: „Der Zins.“
Sie seufzt: „Red bitte in ganzen Sätzen. Hast du wieder eine Aktie gekauft?“
Ich: „Nein. Viel schlimmer. Ich hab Zeitung gelesen.“
Wenn der Staat plötzlich weniger beliebt ist
Anfang März wollte der Bund fünf Milliarden Euro aufnehmen. Ganz normal. Macht er ständig. Nur: Die Nachfrage war zu schwach. Gebote kamen nur über rund 4,5 Milliarden rein, tatsächlich vergeben wurden sogar nur knapp 3,8 Milliarden.
Und was passiert, wenn weniger Anleger Geld hergeben? Richtig: Der Preis sinkt – der Zins steigt. Die Durchschnittsrendite der zehnjährigen Bundesanleihe kletterte auf 2,89 %. Bei der Auktion im Februar lag sie noch bei 2,73 %.
Meine Frau schaut mich an: „Und warum regt dich das so auf?“
Ich: „Weil der Staat jetzt merkt, dass Schulden wieder Geld kosten.“
Sie: „Willkommen im echten Leben.“
Der teuerste Satz der Politik: „Das geht schon irgendwie“. Lange Zeit war Staatsverschuldung so etwas wie All-you-can-eat. Nullzinsen. Negative Zinsen. Investoren standen Schlange, um dem Staat Geld zu geben.
Jetzt ändert sich das Bild. Deutschland plant 2026 rund 512 Milliarden Euro neue Schuldenaufnahme über Anleiheauktionen. Allein 82 Milliarden über zehnjährige Bundesanleihen.
Wenn in genau diesem Kernsegment die Nachfrage schwächelt, wird das richtig teuer. Nicht nur einmal. Sondern über Jahre.
Meine Frau: „Also wie bei unserem Hauskredit damals?“
Ich nicke: „Nur mit mehr Nullen.“
Krieg, Ölpreis und Inflationsangst - die Zins-Mischung
Der Zeitpunkt kommt nicht zufällig. Krieg im Nahen Osten. Störungen rund um die Straße von Hormus. Steigende Energiepreise.
Und damit sofort: Inflationssorgen.
Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe sprang zeitweise sogar auf fast 3 % – so hoch wie seit Jahren nicht mehr.
Meine Frau: „Heißt das, Kredite werden teurer?“
Ich: „Ja.“
Sie: „Auch Immobilien?“
Ich: „Ja.“
Sie: „Auch Firmen?“
Ich: „Ja.“
Sie: „Auch dein Depot?“
Ich: „Leider auch.“
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Der sichere Hafen bekommt Risse
Früher galt: Wenn’s kracht, kaufen alle deutsche Staatsanleihen.
Heute gilt: Wenn’s kracht, schauen manche lieber Richtung Gold oder Schweizer Franken.
Gleichzeitig zieht die EZB ihre gigantischen Anleihekäufe aus der Corona-Zeit zurück. Ein Großinvestor weniger.
Das bedeutet: 👉 Der Markt muss wieder echte Preise finden. 👉 Und echte Preise tun manchmal weh.
Warum das mehr ist als nur Börsengeplänkel
Der Zins der zehnjährigen Bundesanleihe ist im Euroraum eine Art Mutter aller langfristigen Finanzierungskosten. Steigt er, steigen meist auch:
Hypothekenzinsen
Unternehmenskredite
Refinanzierungskosten
Staatsausgaben
Am Ende trifft es also nicht nur Berlin. Sondern auch Bauherren, Firmen – und ganz normale Sparer.
Meine Frau: „Also doch wieder sparen statt investieren?“
Ich:„Nein. Nur klüger investieren.“
Sie: „Also wie immer.“
Die große Illusion platzt leise
Deutschland kommt aus einer Phase, in der viele glaubten:
👉 Der Staat kann sich dauerhaft billig verschulden.
👉 Schulden sind fast kostenlos.
👉 Märkte werden schon mitspielen.
Jetzt zeigt der Kapitalmarkt: Gratis gibt’s nur Hoffnung. Zinsen sind der Preis für Vertrauen. Und Vertrauen hat eine Laufzeit.
Ehe-Fazit zum Zins
Ich lege die Zeitung weg.
„Also was lernen wir daraus?“, frage ich.
Meine Frau denkt kurz nach.
Sie: „Erstens: Schulden kosten wieder Geld.“
Ich nicke.
Sie: „Zweitens: Immobilien bleiben teuer.“
Ich nicke.
Sie: „Und drittens: Wenn der Staat nervös wird, solltest du dein Depot doppelt prüfen.“
Ich nicke langsam. Sie lächelt.
Sie: „Und jetzt geh bitte den Müll runterbringen.“
Ich: „Warum immer ich?“
Sie: „Weil der Roboter noch keinen Kredit bekommt.“
👉 Börsenweisheit des Tages: Der Zins ist wie die Schwiegermutter. Lange ignoriert man ihn. Aber wenn er plötzlich vor der Tür steht, wird es ernst.
Hier noch eine charttechnische Betrachtung
Die Rendite 10-jähriger Staatsanleihen klopft aktuell an der 3-Prozent-Tür. Wird diese genommen, wäre das nächste Ziel die Marke um 3,50 Prozent. Langfristig sind auch die alten Höchststände der letzten 20 Jahre bei 4,70 Prozent denkbar.
Wer sich für das Traden interessiert
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