Sonntag Morgen. Ich lese den neuesten Börsenbrief der „Finanzwoche“ von Dr. Jens Ehrhardt. Zeit für meine Frau in Aktion zu treten.
Sie: „Die Börse wirkt gerade so, als wären Inflation, Zinsen, Ölpreis und Weltpolitik plötzlich gelöst.“
Ich: „Sind sie das denn?“
Sie: „Nicht wirklich.“
Ich (mich naiv stellend): „Warum steigen die Kurse dann?“
Sie: „Weil die Börse manchmal optimistischer ist als der Wetterbericht im Hochsommer.“
Wer widerspricht schon ohne Not seiner Frau, denn genau diesen Eindruck hinterlässt derzeit die Marktlage.
Die großen Aktienmärkte bewegen sich nahe ihrer Höchststände, obwohl viele Risiken keineswegs verschwunden sind. Die Finanzwoche beschreibt die Situation treffend als „priced for perfection“ – also einen Markt, der bereits ein nahezu perfektes Szenario eingepreist hat.
Dabei gibt es durchaus einige positive Entwicklungen:
– Die Straße von Hormus blieb offen
– Die Iran-Krise hat sich vorerst nicht weiter verschärft
– Die Konjunkturdaten in den USA fielen zuletzt etwas besser aus
– Das Verbrauchervertrauen stabilisiert sich leicht
Doch gleichzeitig häufen sich Warnzeichen. Mehrere Indikatoren zeigen inzwischen ein eher vorsichtiges Bild:
– Rekordumsätze bei gehebelten ETFs
– Hohe Börsenkredite
– Überkaufte Technologieaktien
– Verkaufssignale bei verschiedenen Stimmungsindikatoren
– Historisch hohe Spekulation im Technologiesektor
Besonders interessant ist die Entwicklung im KI-Bereich.
Die großen Hyperscaler* investieren inzwischen nahezu ihren gesamten freien Cashflow in neue Rechenzentren und KI-Infrastruktur. Gleichzeitig steigen die Stromkosten, die Konkurrenz wird härter und die Frage bleibt offen, wie viel Gewinn am Ende tatsächlich übrig bleibt.
Ein weiteres Problem sind die Zinsen.
Die amerikanischen Staatsdefizite bleiben enorm. Gleichzeitig liegen die jährlichen Zinszahlungen inzwischen bei rund einer Billion Dollar. Das macht dauerhaft hohe Zinsen zunehmend problematisch.
* Ein Hyperscaler ist ein Unternehmen, das riesige Cloud-Infrastrukturen betreibt und IT-Ressourcen in sehr großem Maßstab bereitstellt. Diese Anbieter können Rechenleistung, Speicher, Datenbanken und andere IT-Dienste flexibel und nahezu unbegrenzt skalieren.
Bekannte Hyperscaler sind:
Amazon Web Services (AWS)
Microsoft Azure
Google Cloud
Oracle Cloud Infrastructure
Alibaba Cloud
Warum heißen sie „Hyperscaler“?
Der Begriff kommt von Hyperscale Computing. Das bedeutet, dass die Infrastruktur so aufgebaut ist, dass sie durch das Hinzufügen weiterer Server und Rechenzentren nahezu beliebig wachsen kann.
Kurz gesagt!
Die Börse setzt aktuell darauf, dass alles gleichzeitig klappt:
Inflation sinkt
Zinsen fallen
Wirtschaft wächst
KI liefert Gewinne
Geopolitik beruhigt sich
Das kann passieren. Es muss aber nicht. Genau deshalb wirkt die aktuelle Situation weniger wie ein Schnäppchenmarkt und eher wie ein Markt, der bereits sehr viele gute Nachrichten vorweggenommen hat.
Oder um es mit einem Stammtischbild zu sagen:
Wenn alle Gäste bereits überzeugt sind, dass der FC Bayern Meister wird, wird es schwierig, noch neue Käufer für die Meisterwette zu finden. Die Börse kann durchaus weiter steigen.
Aber je perfekter die Erwartungen werden, desto kleiner wird die Toleranz für Enttäuschungen. Und genau das sollten Anleger in den kommenden Monaten im Hinterkopf behalten. 📈🍺
Wer sich für das Traden interessiert
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