Ich: „Hast g’sehn, wo der DAX steht?“
Meine Frau schaut nicht einmal hoch. „Wenn des wieder so a Gespräch wird wie letztes Mal mit deiner ‘historischen Kaufchance’, dann hol i lieber gleich den Blutdruckmesser.“
Ich: „Diesmal is anders.“
Sie: „Des sagt’s ihr Börsianer öfter als italienische Fußballtrainer nach einer Niederlage.“
Ich setz mich mit wichtigem Gesichtsausdruck an den Küchentisch. So schaut man halt, wenn man gerade glaubt, die Weltwirtschaft verstanden zu haben. Also zumindest bis zum nächsten Tweet aus Washington.
„Pass auf“, sag ich. „Die ganze Welt hängt momentan an drei Dingen.“
Sie: „Männer, die sich überschätzen?“
Ich: „Nein. KI, Öl und Zinsen.“
Sie: „Also doch Männer.“
Ich: „Die Amerikaner investieren heuer 725 Milliarden Dollar in künstliche Intelligenz.“
Sie: „Was genau macht diese künstliche Intelligenz eigentlich?“
Ich: „Sie ersetzt Menschen.“
Sie: „Aha. Und wer kauft dann später die Produkte?“
Kurze Stille.
Ich: „Darum geht’s jetzt grad nicht.“
Sie: „Natürlich nicht.“
„Jedenfalls“, fahr ich fort, „die Techfirmen bauen grad Rechenzentren wie früher die Leute Gartenhäuser.“
Sie: „Und was machen wir in Deutschland?“
Ich: „Wir diskutieren über Wärmepumpen.“
Sie: „Na immerhin sind wir beschäftigt.“
Ich erklär ihr, dass NVIDIA steigt, Halbleiter boomen und inzwischen praktisch alles gekauft wird, wo irgendwie „AI“ draufsteht.
Sie nippt am Kaffee. „Wenn du morgen a Metzgerei gründest und sie ‘KI-Wurst 4.0’ nennst, kaufen’s wahrscheinlich sofort Aktien.“
Ich: „Exakt DAS ist ja das Problem!“
„Nein“, sagt sie trocken, „das Problem ist, dass du sowas wirklich für a gute Geschäftsidee hältst.“
„Aber gleichzeitig“, sage ich, „schwächelt der Rest der Wirtschaft.“
Sie: „Wie du nach zwei Weißbier.“
Ich: „Europa steckt jedenfalls ziemlich in der Klemme.“
Sie: „Wegen der Energiepreise?“
Ich: „Auch. Öl wird immer teurer.“
Sie: „I hab’s gemerkt. Ich hab gestern getankt und kurz überlegt, ob ich danach noch einen Kredit brauch.“
Dann erklär ich ihr die Lage im Nahen Osten. Straße von Hormus. Ölversorgung. Geopolitik. Weltrezession. Sie hört erstaunlich aufmerksam zu.
„Das heißt also“, sagt sie langsam, „wenn dort unten weiter gestritten wird, zahlen wir hier oben bald fürs Heizen ungefähr so viel wie früher für einen Kleinwagen?“
Ich: „Im Prinzip ja.“
Sie: „Super System.“
„Und die Börse?“, fragt sie.
Ich: „Die steigt trotzdem.“
Jetzt schaut sie mich zum ersten Mal direkt an. „Ihr seid wirklich besondere Menschen.“
Ich: „Wieso?“
Sie: „Weil ihr gleichzeitig Angst vor Weltkrieg, Rezession, Inflation und Ölkrise habt … und dann trotzdem Aktien kauft.“
Ich überlege kurz. „Ja gut … wenn du’s so formulierst.“
„Aber des Gefährliche ist“, sage ich, „dass eigentlich nur noch wenige große Techaktien den Markt hochziehen.“
Sie: „Wie früher in der Schulklasse, wo zwei Streber den Notendurchschnitt gerettet haben.“
Ich: „Genau!“
Sie: „Und der Rest?“
Ich: „Schaut eher schwach aus.“
Sie: „Also quasi Europa.“
Dann kommt der Satz, der mir den Abend ruiniert.
Sie: „Vielleicht ist das Ganze mit der künstlichen Intelligenz wie damals das Internet.“
Ich: „Inwiefern?“
Sie: „Am Anfang glauben alle, jetzt beginnt das Paradies.“
Ich: „Und dann?“
Sie: „Dann kaufen Leute Aktien von Firmen, die nie Geld verdienen.“
Ich schweige. Sie lächelt.
Sie: „Du hast doch sicher schon wieder irgendeinen Halbleiter gekauft, oder?“
Ich: „Nur einen kleinen.“
Sie: „Wie heißt er?“
Ich: „Quantum Hyper AI Systems.“
Sie: „Des klingt ned nach Firma. Des klingt nach Staubsauger mit WLAN.“
Später sitzen wir noch auf der Terrasse. Die Sonne geht langsam unter. Der DAX steht irgendwo nahe Rekordhoch. Öl steigt weiter. Amerika baut KI-Fabriken. Europa baut Formulare.
Und plötzlich sagt meine Frau ganz ruhig: „Weißt, vielleicht wird die Welt gar ned von künstlicher Intelligenz regiert.“
Ich: „Sondern?“
Sie: „Von natürlicher Dummheit.“
Ich wollte widersprechen. Aber dann hab ich gesehen, was ich letzte Woche für meine Wasserstoffaktien bezahlt hab.
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