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Hast g’sehn, wo da DAX steht? (19)

Wenn Raketen fliegen und der Ölpreis keine Grenzen kennt!

Samstagmorgen am Küchentisch.

Sie: „Hast g’sehn, wo da DAX steht?“

Meine Frau stellt diese Frage neuerdings immer dann, wenn sie merkt, dass ich morgens ungewöhnlich lange auf mein Handy starre. Früher bedeutete das: Ich lese Nachrichten. Heute bedeutet es leider: Die Weltwirtschaft hängt an einem seidenen Faden (=Straße von Hormus)

Wenn die Kanonen donnern – und die Börse kurz nachdenkt

Eine alte Börsenweisheit lautet: „Kaufen, wenn die Kanonen donnern.“

Und tatsächlich reagierten die Märkte anfangs fast gelassen auf die Eskalation im Nahen Osten. Die US-Börsen schlossen zunächst sogar leicht im Plus, weil Anleger hofften, es handle sich nur um einen kurzen militärischen Schlag.

Doch am nächsten Tag setzte das ein, was Börsianer „großes Nachdenken“ nennen. Plötzlich ging es nicht mehr um einen militärischen Schlag. Sondern um etwas viel Gefährlicheres: Energie. Inflation. Wirtschaft. Und genau diese Kombination kann Börsen nervös machen.

Warum der DAX stärker fällt als die Wall Street

Meine Frau schaut mich an: „Aber warum fällt bei uns immer alles stärker?“

Ich seufze: „Weil wir Europäer eine besondere Begabung haben.“

Sie: „Welche?“ „Abhängigkeiten.“

Europa ist stärker von Energieimporten abhängig als die USA. Wenn also Zweifel an den Energieflüssen entstehen, reagieren europäische Märkte oft besonders empfindlich.

Genau das passierte jetzt:
• Der DAX verlor von den Höchstkursen in der Spitze ca. 8 Prozent, der US-Index S&P500 nur ca. 4 Prozent.
• Europäische Gaspreise verdoppelten sich innerhalb von zwei Tagen.
• Der Ölpreis (WTI) stieg seit Ende Januar um fast 50 % auf über 90 USD.

Die Börse reagiert dabei nicht auf das, was passiert – sondern auf das, was passieren könnte.

Das Nadelöhr der Weltwirtschaft

Der eigentliche Nervenkitzel liegt nämlich nicht auf den Schlachtfeldern. Diesmal geht es um eine Wasserstraße, von der vermutlich die meisten Menschen erst dann hören, wenn sie plötzlich im Wirtschaftsteil auftaucht: die Straße von Hormus.

Durch diese Passage fließen rund 20 Millionen Barrel Öl pro Tag – etwa ein Fünftel des weltweiten Ölverbrauchs. Oder anders gesagt: Jedes fünfte Barrel Öl auf diesem Planeten fährt durch einen 54 Kilometer breiten Wasserstreifen zwischen Iran und Oman. Wenn dort etwas schiefgeht, wird Energie plötzlich zum Luxusgut.

Ich versuche zu erklären, warum diese Meerenge so wichtig ist.

Ich: „Stell dir vor, „das ist ungefähr so, wie die einzige Zufahrtsstraße zum Supermarkt – nur dass dort nicht Milch und Butter transportiert werden, sondern Öl.“

Sie: „Und wer ist jetzt besonders abhängig von diesem Supermarkt?“

Ich: Die Antwort ist ziemlich unterschiedlich verteilt. Japan bezieht rund 72 Prozent seiner Ölimporte über diese Route, Südkorea etwa 65 Prozent. Indien und China liegen jeweils bei ungefähr 50 Prozent. Europa kommt im Schnitt auf etwa 18 Prozent.“

Quelle: Friedrich-Report

Meine Frau überlegt kurz: „Und die Amerikaner?“

Ich: „Zwei Prozent.“

Sie schaut mich an: „Zwei?“

Ich: „Ja.“

Das ist ungefähr so, als würde die ganze Nachbarschaft nervös werden, weil der einzige Bäcker im Ort schließen könnte – während der Amerikaner nebenan längst eine eigene Backstube im Keller hat.

Früher war das anders. Anfang der 1990er Jahre kamen noch über 30 Prozent der US-Ölimporte aus Saudi-Arabien und anderen Golfstaaten. Doch dann kamen Fracking, eigene Produktion und eine Menge amerikanischer Energiepolitik. Heute sind die USA energetisch ungefähr so abhängig vom Nahen Osten wie Bayern von Fischfang.

Europa dagegen bleibt energiepolitisch weiterhin eher in der Kategorie „Stammkunde“. Und China steht noch deutlich exponierter da. Über 70 Prozent des Ölbedarfs müssen importiert werden – rund 90 Prozent davon über den Seeweg.

Meine Frau fasst das trocken zusammen: „Wenn dort etwas schiefgeht, hat China ein Problem.“

Ich: „Ein ziemlich großes! Chaos an der Straße von Hormus würde die chinesische Industrie, die Exportmaschine und damit das Wachstum direkt treffen. Leider gibt es auch nicht viele Ausweichrouten. Im Grunde existieren nur zwei relevante Umleitungen: eine Pipeline von Saudi-Arabien zum Roten Meer und eine von Abu Dhabi nach Fujairah.“

Meine Frau nickt: „Und das reicht?“

Ich schüttle den Kopf: „Das ist ungefähr so, als würde man versuchen, den gesamten Münchner Feierabendverkehr über eine Feldstraße umzuleiten.“

Sie schaut wieder auf mein Handy: „Und deshalb fällt der DAX?“

Ich zucke mit den Schultern: „Nicht nur deshalb. Aber zu einem gewissen Teil schon.“

Die große Frage: Wie hoch kann der Ölpreis steigen?

Quelle: Friedrich-Report
Quelle: Friedrich-Report

Historisch gesehen haben geopolitische Krisen immer wieder Ölpreisschocks ausgelöst:
• 1973: OPEC-Embargo
• 1979: Iran-Revolution
• 1990: Golfkrieg
• 2022: Ukraine-Krieg

Jedes Mal sprang der Ölpreis kräftig nach oben. Auch diesmal diskutieren Analysten mehrere Szenarien:
Szenario 1: Hormus bleibt offen → Öl kurz bei 90–100 Dollar.
Szenario 2: Hormus blockiert → Öl bei 130–150 Dollar.
Szenario 3: Große Eskalation → Öl über 200 Dollar.

Ich zitiere das aus einem Report des bekannten YouTubers Marc Friedrich.

Sie schaut mich an: „200 Dollar?“

Ich: „Ja.“

Sie: „Dann fahre ich wieder Fahrrad.“

Das Problem der Notenbanken

Jetzt wird es kompliziert. Steigende Energiepreise bedeuten:
• höhere Inflation
• höhere Produktionskosten
• weniger Wachstum

Die Notenbanken sitzen damit im klassischen Dilemma: Inflation bekämpfen oder Wirtschaft stützen? Beides gleichzeitig geht selten gut. Die Börse kennt dafür einen alten Begriff: Stagflation. Das klingt langweilig, ist aber historisch eine der schwierigsten Phasen für Aktien.

Gewinner und Verlierer einer Energiekrise

Typischerweise reagieren Branchen unterschiedlich:

Verlierer
• Industrie
• Transport
• Airlines
• zyklischer Konsum

Relativ stabil
• Versorger
• Rohstoffunternehmen
• teilweise Rüstungsfirmen

Das bedeutet: Wenn geopolitische Krisen eskalieren, verändert sich nicht nur die Börsenrichtung. Es verändert sich die gesamte Marktstruktur.

Was heißt das fürs Depot?

Der Markt sendet aktuell drei wichtige Signale:
1️⃣ Energiepreise werden zum zentralen Risikofaktor
2️⃣ Inflation könnte länger hoch bleiben
3️⃣ Geopolitik bestimmt kurzfristig die Kurse

Oder einfacher gesagt: Die Börse schwankt gerade zwischen zwei Szenarien: kurzer Schock oder echte Wirtschaftskrise. Und genau deshalb reagieren Märkte derzeit so nervös.

Börsenweisheit der Woche: Märkte haben keine Angst vor schlechten Nachrichten. Sie haben Angst vor Unsicherheit.

Interessante Chartanalyse

Der Elliott-Wave-Analyst Dietrich Denkhaus hatte in einem Interviev mit der Zeitschrift „Substanz Investor“ im März 2023 einen DAX-Stand von 25.000 P. für Ende 2025 prognostiziert. Mit ein paar Tagen Verspätung hatte er fast eine Punktladung.

Deshalb ist interessant, was er in der aktuellen Ausgabe des Magazins zu sagen hat:
Er sieht im ersten Quartal 2026 einen zeitlichen Wendepunkt in Richtung „schwieriges Fahrwasser“. Dabei könnte der DAX im Zuge einer ca. 6-monatigen Korrektur bis Ende August sogar auf 20.000 Punkte zurückfallen. Gefolgt von einer Jahresendrally sollte es im ersten Halbjahr 2027 nochmals einen Rücksetzer geben (sh. Chart). Danach sollte die Rallye weitergehen bis etwa März 2028 auf ungefähr 30.000 DAX-Punkte – im besten Fall sind sogar 34.000 Punkte drin. Hier könnten dann starke Verluste und eine rund drei Jahre dauernde Baisse drohen!

Quelle: Substanz Investor

Fazit!

Meine Frau schaut noch einmal auf mein Handy: „Also…, was machen wir denn jetzt in dieser unsicheren Phase? Die Prognose von diesem Herrn Denkhaus klingt doch auf Sicht von zwei Jahren vielversprechend.“

Ich denke kurz nach. Dann sage ich: „Wir haben genügend Aktien, aber auch entsprechend Cash. Deshalb warten wir erstmal ab. Viele glauben, dass das ganze nicht allzu lange dauert. Selbst wenn das stimmt, können die Kurse bis dahin noch stärker fallen. Ab einem Minus von 10 – 20 Prozent in den Indices bin ich wieder auf der Käuferseite, allerdings in mehreren Schritten.“

Sie nickt: „Gut.“ Pause. „Dann kaufen wir erstmal Kaffee.“

Und ehrlich gesagt: Das war wahrscheinlich die stabilste Investmententscheidung des Tages. Merasogined!

Wer sich für das Traden interessiert

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