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Hast g’sehn, wo da DAX steht? (17)

Eheleben, Börse & kollektive Verdrängung – und dann noch ein neuer US-Notenbank-Chef

Sie: „Hast g’sehn, wo da DAX steht?“

Ich: „Ja.“

Sie: „Warum sagst du’s dann so, als hätt ich den Herd angelassen?“

Ich seufze. Der DAX steht gut. Zu gut für jemanden, der über viele Jahre gelernt hat: Wenn alle zufrieden sind, wird’s gefährlich. Börse ist wie Urlaub mit der Familie – sobald alle sagen: „Heuer läuft’s aber harmonisch“, steht der erste Krach unmittelbar bevor.

„Schau“, sag ich, „die Kurse sind rauf, die Stimmung ist super, und genau das macht mir Sorgen.

Sie: „Du hast immer Sorgen, wenn’s raufgeht. Und wenn’s runtergeht auch.“

Ich: „Das nennt man Erfahrung.“

Sie: „Ich nenn’s Ehe mit einem ehemaligen Fondsmanager.“

Zinsen runter, Nerven auch!

„Aber die Zinsen gehen doch runter“, sagt sie und rührt im Kaffee, als wäre sie bei der EZB im Direktorium.

„Ja“, sag ich, „und genau deshalb steigen die Kurse. Niedrige Zinsen sind wie Rotwein – in kleinen Dosen angenehm, in großen Dosen endet’s mit Kopfschmerzen.“

FED und EZB haben Angst vor der Konjunktur, also drücken sie die Zinsen. Das macht Aktien hübsch, selbst wenn die Gewinne eher geschniegelt als gewachsen sind. Besonders in den USA.

„Und da verdienen doch alle mit KI ein Vermögen“, sagt sie.

„Noch“, sag ich. „Momentan investieren sie vor allem ein Vermögen.“

KI – große Vision, große Rechnungen

Die großen Tech-Konzerne werfen Geld in Rechenzentren, als hätten sie Angst, dass morgen der Strom abgeschafft wird. Chips, Server, Kühlung – alles teuer, alles kurzlebig.

Sie: „Aber das ist doch die Zukunft!“

„Ja“, sag ich, „aber auch die Zukunft braucht einen Businessplan.“

Der Unterschied zur Dotcom-Blase? Damals Glasfaser für Jahrzehnte. Heute Chips, die nach drei Jahren aussehen wie dein altes Handy: technisch okay, aber keiner will’s mehr. Wenn die Auslastung nicht passt, steht da sehr viel Zukunft rum und kostet Strom.

Sie: „Du klingst, als würdest du KI hassen.“

Ich: „Nein. Ich mag sie nur nicht blind.“

Quelle: finanzmarktwelt

Gold – der alte Grantler hat recht behalten

Sie: „Und warum reden plötzlich alle wieder von Gold?“

Ich: „Weil Gold seit 5.000 Jahren dasselbe macht: Nichts – und genau das zuverlässig.“

Zentralbanken kaufen Gold wie früher Briefmarken. Misstrauen gegen Schulden, gegen Währungen, gegen Politik. Gold glänzt nicht wegen Euphorie, sondern wegen Skepsis. Sehr erwachsen.

Sie: „Und Goldminen?“

Ich: „Die sind wie Handwerker nach Jahren der Flaute: plötzlich gefragt, halbwegs günstig und erstaunlich solide.“

Japan – wenn der Leise plötzlich laut wird

Sie: „Was ist eigentlich mit Japan?“

Ich: „Japan ist der stille Nachbar, der jahrzehntelang nix gesagt hat – und jetzt plötzlich die Musik lauter dreht.“

Zinsen rauf, Anleihen plötzlich attraktiv. Und überall auf der Welt laufen Yen-Kredite, die auf billiges Geld gebaut sind.

Sie: „Und wenn das kippt?“

Ich: „Dann rennen alle gleichzeitig zur Tür. Börsentechnisch selten elegant.“

Neu im Drama: Der designierte Fed-Chef

Sie: „Und jetzt reden alle von diesem neuen Fed-Typen. Was ist da los?“

Ich nehme einen Schluck Kaffee. Schlechte Nachrichten brauchen Vorbereitung.

„Stell dir vor“, sag ich, „die Party läuft, alle trinken, die Musik spielt – und plötzlich kommt einer rein und sagt: Vielleicht sollten wir langsam aufräumen.“

Sie: „Das ist doch vernünftig.“

Ich: „Ja. Aber nicht mitten auf der Party.“

Der designierte Fed-Chef Kevin Warsh gilt als jemand, der die gigantische Fed-Bilanz zurückfahren will. Momentan liegen da immer noch über sechs Billionen Dollar herum – Überbleibsel aus Finanzkrise und Corona-Rettungsaktionen.

Sie: „Ist doch gut, wenn man Schulden abbaut.“

Ich: „Prinzipiell schon. Aber an der Börse hängt viel daran, dass dieses Geld noch da ist.“

Warsh sagt im Kern: Erst die Notenpresse leiser drehen, Bilanz verkleinern, Inflation runterbringen – und dann könnten die Zinsen sinken. An der Wall Street hört man aber nur: Liquidität weg.

Erinnerst du dich an den Repo-Schreck?

Sie: „War das nicht schon mal ein Problem?“

„2019“, sage ich. „Da wollte die Fed auch Reserven abbauen – und plötzlich ist der Geldmarkt trocken gelaufen.“

Der Repo-Markt ist im Grunde das Pfandhaus der Banken: Man hinterlegt Anleihen und bekommt kurzfristig Geld. Damals schossen die Zinsen plötzlich hoch, weil niemand mehr genug Liquidität hatte.

Sie: „Also wie Klopapier 2020?“

Ich: „Exakt. Nur mit Milliarden statt Zellstoff.“

Die Angst: Wenn Warsh zu schnell abbaut, fehlen plötzlich Reserven, Banken halten ihr Geld fest, und die Finanzierungskosten schießen hoch – noch bevor niedrigere Leitzinsen helfen könnten.

Banken verlieren ihren sicheren Zins

Sie: „Und die Banken?“

Ich: „Die verdienen momentan risikolos Geld, weil die Fed ihnen Zinsen auf ihre Reserven zahlt.“

Sie: „Also fürs Rumliegenlassen?“

Ich: „Genau. Warsh könnte sagen: Schluss damit. Verleiht das Geld lieber an Unternehmen.“

Klingt gut – würde aber die Bankgewinne drücken und das ganze System nervös machen.

Sie: „Also wieder Stress?“

Ich: „Möglich. Die Börse mag Veränderungen nur, wenn sie vorher angekündigt und harmlos sind.

Die Marktreaktion: Party wurde kurz leiser

Sie: „Und wie hat die Börse reagiert?“

Ich: „Aktien runter. Gold und Silber auch kurz. Bitcoin verliert etwas heftiger. Alle überlegen gerade, ob der Barkeeper die Gläser früher einsammelt.“

Strategen sagen: Warsh könnte kurzfristig eher schlecht für Aktien sein, weil Liquidität wie Sauerstoff für steigende Kurse wirkt.

Alle drin, keiner gesichert

Sie: „Aber die Profis wissen doch, was sie tun.“

Ich lache. Zu laut.

Fondsmanager sind voll investiert. Cash ist Mangelware. Absicherungen? Eher symbolisch. Optimismus auf Anschlag. Das ist nicht automatisch der Crash-Auslöser – aber es ist der perfekte Nährboden für Überraschungen.

Sie: „Heißt das, wir verkaufen alles?“

Ich: „Nein.“

Sie: „Kaufen wir mehr?“

Ich: „Auch nein.“

Sie: „Du bist anstrengend.“

Ich: „Ich weiß.“

Quelle: Finanzwoche
Quelle: Finanzwoiche
Quelle: Finanzwoche

Und der DAX?

Der DAX steht solide da. Nicht billig, nicht absurd teuer. Gute Dividenden, weniger KI-Hype als die USA. Aber er hängt an allem: Weltkonjunktur, Dollar, Japan, Politik – und jetzt auch daran, wie viel Geld die Fed dem System lässt. Zudem befinden wir uns in einem Midterm-Wahljahr in den USA, welche in der Vergangenheit oft sehr schwankungsintensiv waren.

Quelle: Finanzwoche
Quelle: Focus Money

Sie: „Also?“

„Also bleiben wir investiert“, sag ich. „Aber nicht verliebt. Ein bisschen Misstrauen gehört dazu – wie in jeder guten Ehe.“

Sie nickt. „Dann schreib das so.“

Ich: „Hab ich.“

Sie: „Mit weniger Fußnoten?“

Ich: „Habe mich zurückgehalten.“

Quelle: Focus Money

Wer sich für das Traden interessiert

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